Amadeus auf dem Fahrrad

Amadeus auf dem Fahrrad

The famous Tenor Rolando Villazón encounters on his travel to Mozart Anna’s Cloak in Prague and Salzburg.

Amadeus auf dem Fahrrad

Rolando Villazón

[…] Irgendwann musste ich falsch abgebogen sein. Ich beschloss zurückzugehen, kehrte dem Geiger den Rücken zu, wurde jedoch am Weitergehen gehindert. Der leere Blick eines gesichtslosen Gespenstes hielt mich zurück, das im Schatten einer Nische hockte. Es war eine andere Version der Skulptur von Anna Chromy, derselben, die mich genauso leer, mit dem gleichen eindringlichen Nichts vor dem Ständetheater in Prag angeschaut hatte. In Salzburg heißt sie nicht Il Commendatore, sondern Die Pietà. Ich war nach Prag gefahren, um zum ersten Mal in dem europäischen Theater vorzusingen, in dem die Oper Don Giovanni uraufgeführt worden war. Nach Salzburg war ich gekommen, um als Komparse in der neuen Produktion der gleichen Oper aufzutreten. Das Schicksal stellte mich bei meiner Ankunft in beiden Städten vor den gleichen Bronzeumhang, die gleiche körperlose Hülle. Aberglaube und Zufall bewirkten, dass ich im leeren Gesicht der Gespenster einen Spiegel aus Luft und Schatten sah, in dem ich die beiden Enden meines Scheiterns erblickte. Das gleiche bronzebedeckte Gespenst am Anfang und am Ende meines Abenteuers vorzufinden, war, als sähe ich den Ausgangspunkt der Linie, die ich in der tschechischen Hauptstadt zu ziehen begann, mit ihrem Ende in der österreichischen Stadt verbunden und so einen leeren Kreis bilden. Das Antlitz der Statue war das Abbild meines vollendeten Scheiterns. […] 

[…] Das Flugzeug hüpfte in einer Turbulenz. Mein Vater faltete die Zeitung zusammen , legte sie auf seinen Schoß, und bevor er einschlief, gähnte er mit weit aufgerissenem Mund. Ich beugte mich vor und sah seine reparierten Zähne, seine fleischige Zunge sich nach hinten rollen, seinen roten Gaumen sich in die Höhe heben. Seine Oberlippe zog sich weiter nach oben, ließ die Nase verschwinden, verschlang die Augen und die Stirn meines Vaters, die Zähne gruben sich in das dunkel werdende Fleisch, die Zunge verschwand ganz, und wo das Gesicht meines Vaters gewesen war, war jetzt ein Loch, ein grauenvolles Nichts. In dieser Grabesleere sah ich mich selbst auf der Bühne in das leere Gesicht der Nachbildungen der Skulptur von Anna Chromy shauen, voller Neugier all das erkennend, was ich nicht zu scätzen gewusst hatte. Ich sah mich in Prag dieses selbe leere Gesicht der Statue des Commendatore betrachten, nervös, weil mein erstes Vorsingen in Europa bevorstand; ich sah mich Anfang des Sommers unter den Kolonnaden von Salzburg das Nichts im Gesicht der Pietà betrachten, begierig, die letzte Etappe meines Bühnenabenteuers in Angriff zu nehmen; und ich sah mich auf diesem Flugzeugsitz in den gleichen Abgrund […]

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