|
Sisyphus 2004
2004, Bronze, Höhe 280 cm
Was könnte sich der klügste und schlaueste unter den Sterblichen
wünschen, wenn nicht seinem eigenen Tod zu entrinnen? Nur so wäre
seinen Erfahrungen keine Grenzen gesetzt, nur so könnte er jeden Bereich
des Möglichen auskosten. Genau dies glaubt Sisyphus, der tollkühne
Sohn von Äolus und Anareto, durchsetzen zu können. Tatsächlich
gelingt es ihm oft die Dinge zu seinem Vorteil zu richten während er unvorsichtigerweise
den Willen des Olymps provoziert. Sobald er König von Korinth geworden
ist, enthüllt er Asopos - als Gegenleistung für einen schönen
Brunnen für seine Stadt – dass es kein anderer als Zeus gewesen
sei, der seine Tochter geraubt hätte. Wutentbrannt straft ihn der König
der Götter und beschließt, ihn töten zu lassen. Aber Sisyphus
gelingt es sogar, selbst den Tod in Fesseln zu legen und dadurch die natürliche
Ordnung der Dinge in Unordnung zu bringen. Auf der Erde stirbt niemand mehr
und der Herr des Totenreiches kann bald nicht mehr sein verlassenes, schweigendes
Reich ertragen. Aber sobald Tanatos wieder befreit ist und auch Sisyphus dem
gleichen Schicksal entgegenblickt, das alle Menschen erwartet - nämlich
sterben zu müssen -, bereiten ihm die Götter unten im Tartarus jene
exemplarische Strafe, die alle kennen. Auf ewige Zeiten ist er dazu verdammt,
einen riesigen Felsblock auf den Gipfel eines Berges zu schleppen, ohne dass
es ihm je gelingt. Eine unmenschliche Plage, die er in ewiger Einsamkeit erfüllen
muss.
Genau an diesem Punkt hakt die Phantasie von Anna Chromy ein: sie stellt sich
vor, ihn zu befreien und dieser Absurdität seines Lebens einen Sinn
zu geben. Sie überzeugt ihn davon, nicht mehr allein zu sein. Die Tatsache,
Vater zu sein, gibt ihm Kraft für seine Entscheidung, mit der er seinen
letzten Kampf mit dem Tod aufnimmt. So finden wir hier drei Geschöpfe,
die gemeinsam mit dem Fahrrad den Gipfel eines unbekannten Berges entgegenstreben.
Wie brennt sie doch, die Mühe derer, die einander lieben, und wie ist
sie doch gleichzeitig leicht zu ertragen. Jeder schenkt dem anderen die Kraft
seiner eigenen Jugend. Am Kopfende ist es Sisyphus, der Vater, der mit der
Kraft eines Vogels in die Pedale tritt, welcher gerade in die Lüfte
abheben will. Das Gewicht, das er hochstemmen muss, ist kein formloser Brocken
mehr. Vielmehr reitet er auf dem Rad einer komplizierten Zivilisation, derer
er sich bedienen muss, um seine Lieben zu schützen. In der Mitte, in
sich selbst versunken, tritt seine Frau in die Pedale. Es scheint, als schwebe
sie über dem Rätsel, das ihre Lebensbedingungen bestimmt. Und nur
diese gemeinsame Kraftanstrengung erlaubt es dem ahnungslosen Kind, während
es wächst und spielt, in einer Kindheit, die frei und unschuldig ist,
in ihrem Kielwasser mitzuschwimmen.
|