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Orpheus und Eurydike
2004, Bronze, Höhe 230 cm
Orpheus ist wohl einer der wichtigsten und komplexesten Vertreter der griechischen
Mythologie. Der Archetypus des Poeten, der die Symbolik von zwei ewig gültigen
Wahrheiten in sich einschließt. Poesie und Musik haben die Gabe, auch
unsensible Wesen aufzuwecken; sie sind Boten einer Welt, in der der Tod, das
Böse und der Schmerz besiegt worden sind. Viele unserer Ideale lösen
sich in Nichts auf, sobald sie sich in ihrer wahren Realität zeigen. Der
aus Thrakien stammende Orpheus ist Sohn von Apollo (dem Gott der Schönheit)
und Klio (der Muse der Geschichte) und der Ehemann von Eurydike. Seine Stimme
hat die wunderbare Gabe, Steine zu erweichen, wilde Tiere zu zähmen und
selbst das schreckliche Reich der Toten zu verzaubern. Als seine geliebte Frau
nach einem Schlangenbiss eines plötzlichen Todes stirbt, steigt Orpheus
hinab in den Hades, wo er die Götter der Unterwelt anfleht, ihr das Leben
wieder zurück zu geben. Und in seinem Gesang liegt solch ein Zauber, dass
Persephones es ihm schließlich gewährt, sie wieder mit sich hinauf
in das Reich der Lebenden zu nehmen, allerdings unter der Voraussetzung, dass
er sich während der Rückkehr niemals nach ihr umsehen dürfe.
Aber Orpheus ist ungeduldig und kann nicht widerstehen. Fast an der Hälfte
der Strecke angekommen, dreht er sich um, um nach ihr zu suchen. Und Eurydike
entschwindet ihm vor seinen Augen, verschlungen von der Finsternis des Hades,
diesmal aber für immer.

Plastisch und greifbar interpretiert hier Anna Chromy den tragischen Moment
dieser letzten Schwäche Orpheus' und zeigt dabei alle unvorhersehbaren
Metamorphosen auf. Während sich hier Eurydike im blendenden Glanz des
Steins auflöst, bleibt Orpheus nichts als ein leerer Traum. Die Skulptur
besteht aus Marmor und Bronze. Nichts als Klang und Stille, unvereinbare Andersartigkeit
zwischen Stasis und Bewegung. Der verzweifelte Orpheus beugt sich nach vor
und ruft nach ihr; vergebens streckt er seine Hand nach ihr aus. Und sie, anstelle
ins Leben zurückzukehren, verwandelt sich vor seinen Augen in ein großes
Violoncello. Wie unterschiedlich sind doch diese Figuren, die jetzt dazu verdammt
sind, einander in anderen Materien und getrennt durch die Unendlichkeit zu
lieben. Aber während sich diese extreme Spannung der Trennung auftut, öffnet
sich auch weit sein Mund. Und an dieser Stelle entsteht ein neuer Gesang, der
sich am Schmerz labt. Denn der höchste Preis, den Orpheus für seine
Liebe bezahlen muss, besteht genau darin, dass er den unersetzlichen Verlust
am eigenen Leibe durchlebt. Weitersingen darf nur der, der wirklich geliebt
und gelitten hat, auch wenn dem Poeten die bloße Erinnerung in ihrer
schwachen Diskontinuität niemals genug sein kann. Nur die Perfektion einer
purifizierten musikalischen Form wird Eurydike für immer retten.
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