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Europa
2004, Bronze, Marmor und Kristall, Höhe 420 cm
In Marmor, schneeweiß, bäumt sich der Strudel einer gigantischen Welle auf. Das ist die Form, die Zeus bei diesem von Anna Chomry entworfenen letzten Raub der Europa annimmt. Nicht mehr als zahmer Stier, der durch seine Ruhe verführt, sondern als gewaltige Sturzwelle. Das Bild einer Welle der Geschichte, die uns blindlings mit sich fortreißt und entführt. An Stelle der kleinen Hörner, die der Mythos von Hand behauen vorsah, „transparenter als purer Edelstein“, wogt hier jedoch eine Kugel aus Kristall. Wohin und wie wird jetzt wohl Europa, die liebliche Tochter des Ageron, verschleppt werden? Welches Schicksal erwartet sie? Welches Antlitz wird morgen der Kontinent haben, dessen Namen sie trägt? Das fragt die Künstlerin die Kristallkugel. Mit ihrer visionären Interpretation zeigt sie uns den Sinngehalt des antiken Mythos in unserer heutigen Zeit.
So stellt sie uns ihre Europa auf dem Kamm einer Welle vor. In Bronze, fast wie eine junge Surferin, biegt sie ihren schönen Körper und tanzt auf dem Rücken der Welle bis ans Ufer. Sie ist eine mutige junge Frau. Ihr schönes Antlitz scheint gezeichnet von vielen Schicksalsschlägen, aber in ihrem Lächeln offenbart sich der eiserne Wille, wieder aufzuerstehen. Kann die Energie eines Lächelns blindwütige Kraft ausgleichen? Kann die Schönheit, ihr leuchtendes Beispiel dem Wahn der Macht die Stirn bieten und ihn zähmen? Gilt die Prophezeiung Dostojewskis noch, dass nur die Schönheit diese Welt retten kann?
Und welcher Künstler würde nicht gerne einen entscheidenden Beitrag bei dieser Gestaltung der Zukunft leisten?
Für Anna Chromy ist das ästhetische Schicksal des Kontinents Europa untrennbar verbunden mit dem Mythos der ihn erschuf. Ein antiker Mythos, der noch in der Lage ist, das Göttliche mit dem Menschlichen zu vereinen; Erde, Meer und Himmel, Völker und Kontinente. Ein komplexer Mythos der über Jahrhunderte hinweg bis in unsere Tage die europäische Kunst nährte und inspirierte. Und den Anna Chromy reinterpretiert, indem sie die Aufmerksamkeit auf das menschliche und weibliche Element konzentriert. Der Frau, mit ihrer heilenden Kraft der Schönheit, vertraut sie die komplexe Aufgabe an, die heutige Menschheit auf ihrem unsicheren Weg zu verkörpern. Eine Menschheit auf weibliche Art mit den vielen positiven Schattierungen, die dieser Begriff in der Geschichte angenommen hat, und die wieder versucht, ihren Beitrag zur Niederlage jeglichen Nihilismus zu leisten.
Ein Europa schließlich, das nicht mehr geraubt und der Willkür furioser Wellen ausgeliefert ist, sondern das bewusst und begeistert das eigene Schicksal in die Hand nimmt.
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