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“Die Musik der Flüsse der Erde”
Der Gesang der Moldau
1997, Bronze, 130 x 70 x 50 cm
Der Flüssebrunnen:
Nil
2000, Bronze, Höhe 174 cm
Ganges
1977, Bronze, Höhe 225 cm
Donau
1997, Bronze, Höhe 190 cm
Amazonas
1997, Bronze, Höhe 170 cm
Mississippi
1997, Bronze, Höhe 205 cm
Guadalquivir – Carmen
1998, Bronze, Höhe 190 cm
Die antiken Völker betrachteten die Flüsse als wohlgesinnte Götter
der betroffenen Regionen. Sie bezeichneten sie als die Kinder des Ozeans und
der Tethys. Die Gewalt, das Getöse und die Fruchtbarkeit ihres Wassers
veranlassten sie, sich die Flüsse als lebendige Geschöpfe vorzustellen.
Zunächst wurden sie in Gestalt eines Stieres dargestellt, später
auch als Menschen oder als andere Tiere. Die Idee, den mythischen Inhalt der
Flüsse in Form eines musikalischen Motivs darzustellen, hatte Anna Chromy
seit ihren ersten Erinnerungen in Prag. Warum sollte man nicht eine Verbindung
schaffen zwischen einem Bild der Moldau und jener Melodie, die sie verewigt
hat? Im Lauf der Zeit hat sich diese Idee auch durch andere Motive bereichert:
durch die uneingeschränkte Liebe der Künstlerin zum barocken Zauber
der Brunnen von Bernini; durch die Faszination, dass das Wasser ein Element
aus den allerersten Anfängen ist und dass alles, was rinnt und läuft
in ihr den Wunsch erwachen lässt, es in eine aussagekräftige plastisch-symbolische
Allegorie umzusetzen. Und allen voran ihr quälender Gedanke über
das Schicksal des Lebens auf unserem Planeten, in einer Zeit wie der unseren,
die immer stärker von einem Zivilisationsmodell bedroht ist, das jegliche
spirituelle Perspektiven ablehnt.
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Und so kommt es, dass ihr die großen Flüsse der Erde wie Musikinstrumente
erscheinen. Sie sind es, die den ewigen Kreislauf des Lebens besingen und die
nach dem Rhythmus des Herzens tanzen, der die Jahreszeiten bestimmt. Bevor
sie sich ergießen und in der Unendlichkeit verschwinden, durchqueren
sie Zeit und Raum: die Natur und die Geschichte, ohne je ihr Konzert zu unterbrechen.
Anna Chromy möchte sie uns so näher bringen. In Gestalt einer Mischung
aus Musikern und Tänzern, die für uns die Symphonie unserer Existenz
aufführen. Sie bilden diese prachtvolle Einheit von fünf lebensgroßen
Figuren, die eigentlich auch ein architektonischer Entwurf für ein neues
Brunnenobjekt sein könnte. Jede von ihnen hat ein verschleiertes Gesicht:
wie eine grüne Wassermasse, die davon gleitet, oder ein Strudel im Strom,
der sich immer wieder verschlingt und neu auflöst. Das was man tatsächlich
am stärksten spürt, sind ihre klangvollen Seelen, welche mit den
Seelen jener Kontinente übereinstimmen, die sie durchfließen und
deren Zeugen einer musikalischer Zivilisation sie sind.
So wechselt dieser harmonische Kreis abwechselnd zwischen männlichen
und weiblichen Figuren zwei Paare, die für die vier Winkel der Erde stehen.
Da ist der heilige Tanz des Ganges, der sich in der Gestalt des Mandolinespielers
spiegelt. Es ist seine überzeugende Grazie, die unsere zahllosen und unbekannten
Existenzen purifiziert. Das Echo des Amazonas, mit all seinem Grün, wird
uns durch die Flöte der Indios übermittelt, der der Zauber der Wälder
nicht fremd ist. Auch die Donau in Gestalt einer Geigerin ist eine Frau: ein
verschmelzen von romantischen Akkorden und zigeunerhaften Sehnsüchten.
Entschieden hingegen erhebt sich die Trompete des Jazzmusikers, der den Mississippi
verkörpert. Auf dessen Aufruf zum Gebet, der die Ketten jeder spirituellen
Sklaverei sprengt, aufgestützt hoch oben auf der zentralen Stele, erwacht
auch der uralte Nil aus seinem todesähnlichen Schlaf. Er löst die
letzten Streifen des Verbandes, in die er eingehüllt war: und sein einst
mumifizierter Körper findet erneut wieder zur tänzerischen Herrlichkeit
des auferstehenden Lebens. Zum gleichen Kreis zählt auch die zigeunerhafte
Seele des Guadalquivirs, hier personifiziert in Gestalt einer Carmen, die im
Tanz all ihre Verführungskraft abwechselnd verhüllt und enthüllt.
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